Auf dem Boden der Tatsachen

Die unterschätzte Macht der Bodenfolien (Teil 1)

Der Boden ist die größte zusammenhängende Werbefläche überhaupt – größer als jede Schaufensterscheibe, jedes Fahrzeug, jede Fassade. Während andere Länder das Potenzial längst konsequent nutzen, bleibt diese Fläche in Deutschland noch erstaunlich oft ungenutzt. Dabei bietet sie enormes Potenzial: von der Kundenführung im Einzelhandel über Event-Branding bis zur Verkehrslenkung im öffentlichen Raum.

Published: 2.7.2026  |  Foto / Video: Youtube

Viele Werbetechnikerinnen und Werbetechniker scheuen sich, mit Bodenfolien zu arbeiten. Zu groß ist die Unsicherheit: Welches Material für welchen Untergrund? Und wie verhindere ich, dass sich die Folie nach drei Tagen wieder löst? Marcel Aschenbach, seit sechseinhalb Jahren bei Continental Grafix tätig und zuvor neun Jahre bei der IGEPA group im Außendienst, kennt diese Hemmungen aus unzähligen Kundengesprächen. Gemeinsam mit Holger Moesicke, Produktmanager für Large Format Medien bei der IGEPA group Hamburg, hat er in einem Webseminar der IGEPA-Akademie die wichtigsten Stolpersteine in der Bodenwerbung unter die Lupe genommen.

Laminieren – ja oder nein?

Grundsätzlich gibt es bei rutschhemmenden Bodenfolien zwei Optionen: Entweder man bedruckt eine weiße oder transparente Folie und versieht sie mit einem Anti-Rutsch-Laminat in der passenden Rutschklasse. Oder man greift zu einer direkt bedruckbaren Folie, die bereits eine zertifizierte Rutschklasse mitbringt. Der Trend geht klar in Richtung direkt bedruckbarer Medien – nicht nur aus Nachhaltigkeitsgründen (nur ein Produkt statt zwei). Sondern auch, weil moderne UV- und Latex-Drucker mittlerweile eine deutlich bessere Farbhaftung und Abriebfestigkeit bieten. Wer langfristige Haltbarkeit braucht, kann auf einen Zwei-Komponenten-Lack oder Flüssiglaminat zurückgreifen.

Übrigens: Auch direkt bedruckte Bodenfolien behalten ihre Rutschklasse, da die Tinte in die „Täler" der Oberflächenstruktur fließt, während die erhabenen Strukturen ihre Funktion behalten.

Rutschklassen: höher ist nicht automatisch besser

Die Rutschklassen reichen von R9 bis R13. Die Empfehlung: Mindestens R10 im Innenbereich, weil die Rutschfestigkeit im nassen Zustand entscheidend ist. Regennasse Schuhe im Eingangsbereich, Morgentau auf Außenflächen – bei R9 wird es da bereits kritisch. Im Außenbereich sollte die Rutschklasse mindestens bei R11 liegen.

Nerd-Wissen: Um die Rutschklasse zu ermitteln, steht eine Person auf einer Rampe, unter der das Material verklebt ist. Die Rampe wird immer steiler angewinkelt, bis die Person abrutscht. Der erreichte Neigungswinkel bestimmt die Klassifizierung.

Wichtigste Faktor bei der Materialwahl: Der Untergrund entscheidetr

Auf glatten Flächen wie PVC, Linoleum oder Fliesen funktionieren nahezu alle gängigen Folien problemlos. Spannend wird es bei den Sonderfällen. Hier entscheidet die richtige Materialwahl. Für jede Herausforderung gibt es die richtige Folie: Über die IGEPA group bekommt man für alle Produkte kostenlose Musterrollen (3 Meter x 60 Zentimeter). Tipp von den Profis: Eigene Tests machen! Wie verhält sich das Material beim Druck? Wie fühlt es sich an? Wie lässt es sich verkleben? Gerade für Neulinge in Sachen Bodenfolien ist das der beste Weg, Vertrauen in die Produkte zu gewinnen. Wer konkrete Beratung braucht, kann sich direkt an die Fachberater der IGEPA group oder an Continental Grafix wenden.

Folgende Untergründe stellen Werbetechnikerinnen und -techniker vor besondere Herausforderungen:

Hier liegt auf der Oberfläche eine Art Lackschicht. Wer mit einem aggressiven Solventkleber arbeitet, riskiert beim Abziehen matte Stellen – der Kleber reißt die Politur mit ab. Die Folge: Der gesamte Boden muss neu poliert werden. Die Lösung: AthleticWalk, ein Material mit besonders sanftem Kleber, das ursprünglich für Sporthallen entwickelt wurde und auch auf empfindlichen Untergründen rückstandsfrei entfernt werden kann.

Klassische Bodenfolien würden die Teppichstruktur beschädigen oder Fasern herausreißen – hier kommt TexWalk zum Einsatz. Der Kleber dieser Folie ist mit einem Textil versetzt, das die Fasern beim Abziehen schützt. Die Bodenfolie eignet sich für Industrie- und mittelflorige Büroteppiche; bei privaten Hochflor-Teppichen stößt allerdings auch dieses Material an seine Grenzen.

Diese Untergründe sind die Königsdisziplin. Tiefe Fugen, raue Oberflächen, Feuchtigkeit – hier braucht es ein Material, das sich förmlich in den Boden "hineinschmiegt". AsphaltWalk mit Aluminiumrückseite und gecrushten Glassplittern als Rutschhemmung (R11) schafft genau das: eine quasi dreidimensionale Verklebung. Es ist das teuerste Produkt im Portfolio – aber auch das zuverlässigste für extremste Außenbedingungen.

Ja, Asphalt ist nicht gleich Asphalt. Feiner Asphalt findet sich in Parkhäusern und ist relativ glatt. Grober Asphalt kommt auf Straßen zum Einsatz. Auch hier muss das Material entsprechend gewählt werden – sonst droht Ablösung durch mangelnde Klebefläche. Der Name verrät es: Auf dieser Oberfläche spielt Asphalt Walk seine ganze Stärke aus.

Die acht Fragezeichen: Was vor jedem Auftrag geklärt werden muss

  1. Gewünschte Haltbarkeit: Ein Wochenend-Event? Mehrere Monate im Einkaufszentrum? Dauerwerbung auf dem Marktplatz?

  2. Mechanische Belastung: Nur Fußgänger? Kehrmaschinen? Autos? E-Roller? Stapler?

  3. Untergrund: Glatt, rau, Fugen, Teppich, Stein, Asphalt?

  4. Anwendungsbereich: Innen oder außen?

  5. Mit oder ohne Laminat: Kundenwunsch vs. technische Notwendigkeit

  6. Rutschklasse: R10 für innen, R11 für außen – oder höher?

  7. Zertifizierungen: B1-Brandschutz? M1? Antibakteriell? Nasszonenbereich? Bahnverkehr (EN 45545-2)?

  8. Spezielle Anforderungen: Wiederverwendbarkeit (z. B. Sporthallen)? PVC-frei?

Häufige Materialfehler und wie man sie vermeidet

Falsches Material für den Untergrund

Der Klassiker. Ein günstiges Material auf Pflastersteinen – und nach drei Tagen ist die Folie Geschichte. Lösung: Vorher genau klären, was verklebt werden soll.

Zu hohe mechanische Belastung

Ein dünnes Material in einem Skaterpark, auf dem Kies und Schotter liegen. Ergebnis: Farbe ist nach wenigen Tagen komplett abgerieben. Lösung: Belastung realistisch einschätzen und Material entsprechend wählen.

Reifen dreht auf der Stelle

Autos, die auf der Folie einlenken (z. B. vor Schranken) oder Stapler, die auf der Stelle drehen, reißen das Material regelrecht auf. Der Kleber will am Boden haften, das Basismaterial dreht sich mit – Ergebnis: Risse und Ablösungen. Lösung: Folie nicht an Stellen platzieren, wo Fahrzeuge stehen bleiben und lenken.

Fazit: Die richtige Materialwahl ist entscheidend

Die gute Nachricht: Es gibt für jede Oberfläche eine Lösung. Die schlechte: Man muss sich vorher Gedanken machen. Wer die acht Fragezeichen sauber abarbeitet und Material und Anwendung aufeinander abstimmt, legt den Grundstein für erfolgreiche Projekte ohne Reklamationen und vermeidet teure Fehlentscheidungen.

Wie aus der richtigen Materialwahl eine perfekte, dauerhafte Verklebung wird, finden sich im zweiten Teil dieser Serie – mit Praxistipps direkt vom Profi.